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Ein Meilenstein in der Babenhäuser Geschichte:

Vor 475 Jahren kam Erasmus Alberus nach Babenhausen

Die Reformatorgruppe auf einer Kopie nach dem Meienburgischen Epitaph von Lucas Cranach dem Jüngeren. Links im Bildvordergrund ist Martin Luther zu erkennen, direkt hinter ihm (etwas verdeckt) steht Erasmus Alberus, ganz rechts Philipp Melanchthon.

Es war der 11. Januar 1545, der Sonntag nach Epiphaniae (Fest der Erscheinung des Herrn: Epihanias – volkstümlich: Heilige Drei Könige), als Erasmus Alberus begann in Babenhausen die Reformation durchzusetzen. Bereits im Oktober des Jahres 1544 verhandelte in Buchsweiler Graf Philipp IV. mit Erasmus Alberus, der in der Wetterau als Pfarrer tätig war.

In diesem Gespräch bot der Graf dem Reformator die Stelle des Superintendent in Babenhausen an. Alberus nahm das Angebot an, bedeutete es für ihn doch ein geregeltes Einkommen – nach seinem unsteten Leben in der Vergangenheit ein wahrlich verlockendes Angebot. Insbesondere in seiner aktuellen Situation, denn seine Frau erwartete ein Kind. Am 15. November 1544 schrieb Alberus aus Staden (heute ein Stadtteil von Florstadt) dem Graf nach Buchsweiler, dass er seine „Hausfraw, weil sie der Geburt nahe, ghen Langen (zu Pfarrer Dorsch, seinem Freund) habe lassen führen; seine Bücher und Hausrat habe er in Fesser gepackt, willens über 14 Tage an sein Amt an zu treten.“
Wer war Erasmus Alberus?
Erasmus Alberus wurde um 1500 als Sohn des katholischen Pfarrers Dietrich Alber und dessen Magd Greth in Buchenbrücken (heute ein Stadtteil von Friedberg) geboren. Zwar wurde den katholischen Priestern die Ehelosigkeit auferlegt, aber eine eheähnliche Verbindung wurde damals stillschweigend geduldet. Die Kinder aus solchen Verbindungen bezeichnete man früher als „Pfaffenkinder“ und sittenstrenge Bürger stellten sie mit den Kindern von Huren gleich. Obwohl die Mütter meist als Haushälterinnen der Pfarrer tätig waren und ebenso ehrbar lebten wie „normale“ Ehefrauen, lag auf den Kindern ein „Makel“. Die „Pfaffenkinder“ durften nicht im Schutz der Familie aufwachsen, eine leidvolle Erfahrung die den jungen Erasmus früh prägte. Während der Vater als Pfarrer in Buchenbrücken tätig war wurde Erasmus in Staden erzogen. Mit acht Jahren wird Erasmus aus seinem liebgewonnenem Staden entrissen. Sein Vater kaufte ihm auf der „Frankfurter Mess“ einen Donat (damals das am weitesten verbreitete Lehrbuch der lateinischen Grammatik) und Erasmus kam auf die Lateinschule nach Nidda. Später schilderte Erasmus die seltsamen Lehrmethoden in der Schule: „Als ich in die schul gienge, habe ich offt gesehen, wie man so greulich mit den armen kindern umgienge, da sties man ihn die köpff wider die wende, und zwar man hat mirs auch nit gespart. Ich war acht jar alt, da uberkame ich eyn schulmeyster zu Nidd. Wann der voll weins, ia voll'teuffel war, da zoge er mich schlafend vom strosack daruff ich schlieffe, und name mich bei den füssen, und zoge mich umbher uff und ab, als were ich eyn pflug, das mir das haupt uff der erden hernach geschlept, viel püffe leiden must.“
Über die Lateinschule in Weilburg kam Erasmus zum Studium an die Universität Mainz. Der dortige Erzbischof Albrecht von Brandenburg hatte Mainz zu einem modernen Bildungszentrum gemacht, allerdings auch zur „Hauptvertriebsstätte des Petersablasses“ in Deutschland. Der Erzbischof setzte damals den Dominikaner Johann Tetzel zum Generalsubkommissar des Ablasshandels ein, dessen Erlöse zur Hälfte an Papst Leo X. flossen, für den Bau der Peterskirche in Rom. Erasmus Alberus bezeichnete Mainz später als „schendlichen Meßmarkt“, seine dortigen Erfahrungen trieben ihn förmlich in die Arme von Martin Luther. Alberus verlies Mainz im Jahre 1518 und immatrikulierte sich an der berühmten Universität von Wittenberg, wo Philipp Melanchthon als Professor tätig war. Hier wurde aus dem streitlustigen Denker seiner Zeit ein eifriger Kämpfer für die Reformation.
Erasmus Alberus wurde 1522 vom Bürgermeister von Oberursel (sein Onkel Henn Alber) beauftragt in Oberursel eine Lateinschule einzurichten. Fünf Jahre wirkte Erasmus dort pädagogisch. In dieser Zeit widmete er sich auch seinen ersten schriftstellerischen Versuchen. Es entstand das Manuskript der „Kurtzen Beschreibung der Wetterau“ und er schrieb viele Fabeln, die er allerdings erst im Jahr 1534 veröffentlichte. Im Jahr 1528 wurde er Prediger in Sprendlingen, dort war er auch als Schulmeister tätig. In den Mittelpunkt seines Unterrichtes stellte er Luthers Katechismus. Trotz öffentlicher Beschimpfungen und Androhungen von Schlägen konnte er in Sprendlingen erfolgreich die Reformation einführen. Auf Zutun des Mainzer Bischofes wurde er 1539 entlassen.
Es war eine unruhige Zeit für Erasmus Alberus, eine Zeit ständiger Wanderungen und finanzieller Sorgen. Trotz aller Widrigkeiten konte er sein etwa um 1525 begonnenes Lexikon „Novum Dictionarii genus“ fertigstellen. Mit über 800 Seiten zählt das Sachwörterbuch zu den bedeutensten Lexika des 16. Jahrhunderts. Sein Buch „Der Barfüßer Mönche Eulenspiegel und Alcoran“ , eine Satire auf den Franziskanerorden (1542 in Wittenberg gedruckt), wurde zu einem Bestseller und ins Französische, Niederländische und Lateinische übersetzt. Auch sein Buch „Ein Gespräch von der Verführung der Schlange“ (1544 in Erfurt und Nürnberg gedruckt) erreichte weitere Auflagen und wurde zu einem Publikumserfolg im 16. Jahrhundert.
Wahrscheinlich waren es diese Veröffentlichungen, die dem evangelisch gesinnten Graf Philipp IV. von Hanau-Lichtenberg auf den Reformator Erasmus Alberus aufmerksam machten – er lud ihn nach Buchsweiler ein...        hz

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