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Babenhausen - Peru:

Freundschaften überdauern Zeit, Flucht und Krieg

Elfriede Löhr mit dem Schrank, der kurz darauf auf seine Reise nach Peru geschickt wurde.

Walter Frank hat am 01. September 1938 Babenhausen verlassen und sein Leben anschließend in verschiedenen Erdteilen verbracht. Trotzdem ist Babenhausen für ihn noch immer „Dehaam“. Ein Stück Heimat und Teil seiner Familiengeschichte wird Walter Frank, der in Lima (Peru) lebt, bald wieder sein Eigen nennen können. Eine Babenhäuser Familiengeschichte, die nun mit einem weiteren Kapitel fortgeschrieben wird. Ein Wohnzimmerschrank als Sinnbild von Freundschaft besiegt den Hass über Zeit und Grenzen hinweg. Die verschiedenen Handlungsstränge, die in Babenhausen zusammenlaufen werden nun im Einzelnen vorgestellt.

Albert Frank, der Vater von Walter, wurde 1897 in Sickenhofen geboren und war in Babenhausen als Viehhändler und Großschlächter tätig. Während des ersten Weltkrieges diente er in einem kaiserlichen Grenadier Regiment und wurde bei Verdun verwundet. Er war ein angesehener Bürger in Babenhausen und pflegte zahlreiche Freundschaften – bis zur Machtübernahme des NS-Regimes, denn die Familie Frank war jüdischen Glaubens. Die Franks wohnten im ehemaligen Amtshaus in der Amtsgasse 29 und damit in unmittelbarer Nachbarschaft der Gaststätte zum Adler, die damals das Parteilokal der NSDAP war. Dort wurden zahlreiche Parteiveranstaltungen ausgerichtet und für viele Mitglieder von Partei und SA war der Adler regelmäßiger Anlaufpunkt. Welch unerträgliche Situationen sich für die Familie Frank - aufgrund dieser räumlichen Nähe - ergaben, kann heutzutage kaum ermessen werden.
Nach der Pogromnacht 1938 wurde Albert Frank mit anderen jüdischen Männern verhaftet und nach Buchenwald gebracht. Nachdem er zurück kam bereitete er sofort die Flucht vor, die viele Monate später nur gelang, weil Lina und Albert Frank Hilfe von ihrem Freund Heinrich Schweitzer erhielten. Heinrich Schweitzer, Metzger und Gastwirt vom Frankfurter Hof, unterstützte die Familien Frank und Kahn bereits mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs. Die Kosten für die Ausreise konnten die Eheleute Frank nur zusammenbekommen, weil ihnen Heinrich Schweitzer abermals half und ihnen die Möbel abkaufte, womit er Mut und Zivilcourage zeigte und Freundschaft über den Druck des Regimes stellte, die solche Geschäfte untersagte. Nachdem Walter Frank 1938, durch die Güte eines Verwandten aus Amerika (ohne polizeiliche Abmeldung), über Lausanne und Italien nach New York ausreisen konnte, flohen auch Albert und Ehefrau Lina Frank 1939 über England ebenfalls nach New York.
2006 besuchte Walter Frank sein Babenhausen. Seine Schulkameradin Ria Fischer, die über die ganzen Jahre hinweg nie den Kontakt zu Walter Frank verlor, organisierte das Besuchprogramm in der alten Heimat. Ein emotionaler Höhepunkt dieser Reise war das Treffen mit der Familie Schweitzer. Walter Frank wurde ins Wohnzimmer gebeten und als die anderen nachkamen, standen Walter Frank bereits die Tränen in den Augen. Durch den Anblick des wunderschönen, handgemachten Wohnzimmerschrankes seiner Eltern, kamen viele Erinnerungen hoch und die Gefühle übermannten den so weit angereisten Gast.
Ein Jahr später besuchte ein anderer Auswanderer Babenhausen. Bernd Willand, Sohn von Emma und Fritz Willand (der in Babenhausen als Rennfahrer Fritz bekannt ist), machte bei den US-Streitkräften Karriere und als die Babenhäuser Kaserne geschlossen wurde reiste er mit seiner Mutter nach Babenhausen, um den Feierlichkeiten beizuwohnen. Einen Zeitungsausschnitt über diese Zeremonie sendete Ria Fischer an ihren Schulfreund Walter Frank. Dieser griff zu Stift und Papier um Bernd Willand eine persönliche Nachricht zu schreiben. Aus diesem Brief entstand eine langjährige Freundschaft mit regelmäßigen Schriftverkehr, die bis heute andauert. Bernd Willand besuchte 2011 Walter Frank in Lima und auch der Tochter von Walter Frank stattete er einen Besuch ab, als er in Jerusalem stationiert war.
Als Bernd Willand die Hintergründe um die Geschichte des Wohnzimmerschranks erfuhr, kontaktierte er Elfriede Löhr, Enkelin von Heinrich Schweitzer. Seine Idee, den Schrank der Familie Frank wieder zur Verfügung zu stellen gefiel Elfriede Löhr und im Sinne ihrer Vorfahren und der tiefen Freundschaft der Familien Frank und Schweitzer stimmte sie dieser schönen Idee sofort zu. Der Schrank ging am vergangenen Freitag, 2. Oktober 2015, auf die Reise ins ferne Peru.        hz

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