Zukunftsfragen: Der Deutschen liebstes Kind wird zum Problem

Um den Umstieg vom Auto auf die Bahn attraktiv zu machen, müsste durch einen zweigleisigen Ausbau der Strecke zwischen Langstadt und Klein-Umstadt eine deutlich bessere Taktung erreicht werden.

 

Jahrzehnte lang wurde die städtische Infrastruktur fast ausschließlich auf das Auto ausgerichtet. Gleichzeitig wurden die Angebote des Öffentlichen Nahverkehrs entweder kaum weiterentwickelt oder sogar abgebaut. Die Folgen werden nun spürbar.

Denn das Auto, der Deutschen liebstes Kind, ist zunehmend zum Problem geworden. Egal, ob es fährt oder als „ruhender Verkehr“ einen großen Teil des öffentlichen Raums beansprucht – überall verursachen die 48 Millionen in Deutschland zugelassenen Pkw Konflikte. Davon weiß man in praktisch allen Städten und Gemeinden ein Lied zu singen. Auch in Babenhausen.
Hier ist das Thema Straßenverkehr besonders brisant, denn mit der Kasernenentwicklung wird sich auch der Pkw- und Lieferverkehr weiterentwickeln. Die Frage „Wohin mit all den zusätzlichen Autos?“ wird intensiv diskutiert, denn die gegenwärtige Verkehrsmenge in und um Babenhausen ist schon heute nicht mehr klimaverträglich und belastet die Anwohner. Hinzu kommt der enorme Flächenverbrauch durch den Aus- oder Neubau von Straßen.
In Groß-Umstadt, wo geplant ist, die B45 vierspurig auszubauen, hat sich eine Agenda-Gruppe „Verkehr“ gegründet, die einen ganz anderen Weg vorschlägt. Anstatt Bundesstraßen autobahnähnlich auszubauen, Umgehungsstraßen zu errichten und innerorts auf den letzten Grünflächen weitere Parkplätze zu errichten, wollen sie den Öffentlichen Nahverkehr attraktiver und bezahlbar machen. Bus und Bahn sollen zur echten Auto-Alternative werden.
Zusammen mit Experten der „Initiative Odenwaldbahn“ hat die Gruppe nun ein Bahn- und Buskonzept für den Landkreis erarbeitet und haben dabei auch die Verkehrssituation rund um Babenhausen in den Blick genommen. Die Stadt ist ein gutes Beispiel dafür, dass nach Ansicht der Initiative und vieler Pendler die Preissprünge im Tarifsystem zu groß sind. „Das hat zur Folge, dass Pendler bis zur nächsten, günstigeren Tarifgrenze mit dem Auto fahren und erst ab dort mit der Bahn weiterreisen“, sagt Uwe Schuchmann von der Initiative Odenwaldbahn.
Ziel sei jedoch, das Auto gar nicht mehr zu benötigen. Helfen würde beim Umstieg auf Bus und Bahn eine personalisierte Jahreskarte, die für das gesamt RMV-Gebiet gilt. Im Rhein-Neckar-Verbund gebe es ein solches Modell, das sich auch erfolgreich etabliert habe. Das Jahresticket ist dort für weniger als 1.200 Euro zu haben und berechtigt zu allen Fahrten im RMV-Gebiet. Den Vergleich mit den Kosten für ein Mittelklasse-Auto brauche das Jahresticket nicht zu scheuen: in der ADAC-Tabelle beginnen die jährlichen Kosten für einen Pkw der Mittelklasse (inklusive Anschaffung) bei 6.000 Euro.
Um auch die Übergangstarife nach Bayern kundenfreundlicher und weniger kompliziert zu gestalten, müssten mit dem Nachbarbundesland weitere Kooperationen eingegangen werden. Denn das Autofahren sei auch deshalb für viele Menschen das favorisierte Fortbewegungsmittel, weil es als besonders komfortabel empfunden werde, so Uwe Schuchmann. „Das Auto steht üblicherweise vor dem Haus, man steigt ein und am Zielort wieder aus. Weite Wege zur nächsten Bushaltestelle oder zum Bahnhof sind da natürlich nicht attraktiv.“ Ebenso wenig wie Umstiege auf dem Reiseweg.
Je kürzer die Wege zum nächsten, barrierefreien Bushalt und je weniger Umstiege, desto besser. Mitunter lassen sich Umstiege nicht vermeiden. Doch mit besseren Taktungen entfallen zumindet lange Wartezeiten auf den Anschlusszug- oder -bus. Dazu müsste auf der Strecke Hanau - Babenhausen - Groß-Umstadt eine deutlich bessere zeitliche Verbindung geschaffen werden. Der Abschnitt zwischen Langstadt und Klein-Umstadt sowie der Abschnitt zwischen Hainstadt und Seligenstadt müssten hierfür zweigleisig ausgebaut werden, damit die Züge auf diesen Etappen aneinander vorbeifahren können und nicht mehr auf den Entgegenkommenden warten müssen.
„Der Ausbau wäre landschaftsschonend realisierbar, da schon beim Bau vor 150 Jahren die meisten Dämme und Brücken für zwei Gleise ausgelegt wurden“, erklärt Kurt-Michael Heß, der am Bus- und Bahn-Konzept mitgearbeitet hat. Für den Klimaschutz sei der Ausbau zudem hocheffektiv. Zusammen mit einem verbesserten Verkehr der Bachgau-Buslinien könnte das Verkehrsaufkommen auf der B26 sofort erheblich reduziert werden.
Im Zusammenspiel mit dem Bürgermobil und dem Da-Di-Liner, der als Pilotprojekt im Babenhäuser Stadtgebiet getestet wird, sowie einem engagierten Ausbau vor allem des innerörtlichen Radwegeangebote, könnte ein komfortabler, bezahlbarer und umweltschonender Mobilitätsverbund aufgebaut werden. Das Konzept ging an Politiker auf Kreis- und Landesebene. Besonders das Land sei gefordert. Bisher kämen nur drei Prozent der finanziellen Mittel vom Land, sagt Uwe Schuchmann: „Viel zu wenig für eine echte Mobilitätswende.“       mel

 

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