Der renommierte Religionssoziologe Professor Paul Zulehner war am Dienstagabend auf Einladung des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald in der vollbesetzten Aula der Landrat-Gruber-Schule zu Gast. Zulehner, Jahrgang 1939, ist österreichischer Theologe und katholischer Priester. Er hat in Philosophie und Theologie promoviert und an verschiedenen Universitäten, auch in Deutschland gelehrt. 2008 ist er emeritiert, aber weiterhin wissenschaftlich tätig und ein gefragter Redner. Im Oktober 2017 initiierte er zusammen mit dem Prager Religionsphilosophen Tomáš Halík die Online-Petition „Pro Pope Francis“, die rund 75.000 Menschen unterzeichneten.
Bettlaken als Ausdruck von „Fürchtet euch nicht“
Zulehner ist außerdem Autor verschiedener Publikationen, darunter das Buch „Entängstigt euch!“, das den Anknüpfungspunkt zum aktuellen Jahresthema des Dekanats „Fürchtet euch nicht!“ herstellte. Für diese Botschaft gebe es keinen passenderen Ort als die Schule, wo gerade Abitur geschrieben werde, sagte Dekan Joachim Meyer in seiner Begrüßung. Auf den Bettlaken auf dem Schulgelände fänden sich „fantasievoll gestaltete Variationen dieses Satzes“.
Es sollte ein dichter, gleichwohl kurzweiliger Abend voller Impulse und Anregungen werden, wie sich Angst verstehen und letztlich bestehen lässt. Die Gruppe Ora Blu, das sind Karsten Alwe (Kontrabass), Christoph Sames (Trompete, Flügelhorn), Michael Weisbarth (Akkordeon) und Dr. Alfred König (Gitarre), begleiteten Vortrag und Diskussion stimmungsvoll mit ihrer Klezmermusik.
Warum reagieren Menschen mit Angst und Sorge auf die Flüchtlinge, andere hingegen mit Zuversicht? Dem wollte Zulehner mittels einer Studie auf den Grund gehen. Seine Hypothese: Die Persönlichkeit eines jeden Einzelnen muss entsprechend vorgeprägt sein – unabhängig von den Flüchtlingen. „Angst haben wir alle“, so Zulehner. Aber: Je größer die Angst, umso größer die Abwehr, hat er in seiner Studie herausgefunden. Nationalisten sprächen die Sprache der Angst. „Aber wir wissen, wo der Nationalismus hingeführt hat – in den Krieg.“ Der Mensch kenne drei Strategien der Selbstverteidigung: Auf persönlicher Ebene seien dies Gewalt, Gier und Lüge, auf politischer Ebene Terror, Besitzgier und Korruption. Angst mache böse, Angst entsolidarisiere, sagt Zulehner.
Randvoll mit Vertrauen in Gott
Das Ziel müsse deshalb sein, sich mit der Angst anzufreunden. Denn: „Angst verhindert, dass wir liebende Menschen werden“, zitiert er den Theologen Eugen Drewermann. „Leben heißt letztlich der Angst das Festland des Vertrauens abzugewinnen.“ Doch wie? Bindung, Partnerschaften und Freundschaften, politische und interreligiöse Bildung, eine Politik des Vertrauens, die die Ursachen und nicht die Symptome angehe, sowie Gesichter und Geschichten, also Begegnungen, helfen laut Zulehner bei der Vertrauensbildung.
„Wenn es besonders hart wird, spüre ich göttlichen Rückenwind“, gibt Zulehner die Aussage einer Frau wieder. Die Kirchen könnten solche „Oasen ausufernden Vertrauens in Kulturen der Angst“ sein. Die Verbundenheit mit Gott sei wichtig. Jesus sei ein „Dauerverbundener“. Es sei Aufgabe von Christen „selbst randvoll zu sein mit Vertrauen in Gott“ und dieses an die Gesellschaft weiterzugeben.
Wie könne man populistischen Politikern Angst machen, will jemand aus dem Publikum wissen. „Gar nicht“, antwortet Zulehner. Die Angst der Anderen sei die Existenzgrundlage solcher Politiker. Es gehe darum, diejenigen, die sie wählten, zur Zuversicht zu führen, indem man positive Emotionen entgegensetze – das Evangelium, Poesie, die Musik. Der Schlüssel liege im Konkreten, darin, so Zulehner, Hoffnung zu machen, eine Vision zu entwickeln und nicht zu jammern, das demotiviere. „Menschen, die göttlichen Rückenwind spüren, sind Kirche pur.“
(Text/Fotos: S. Rummel)
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