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Kerb in Langstadt:

Von vergessenen Schlüsseln, geknickten Rosen und erfolgreichen Damen

Ein voll besetztes Zelt zeugt von der Wichtigkeit der Tradition, die die Kerbred für den Stadtteil Langstadt darstellt.

Man sollte meinen, dass nach einem Unwetter, wie es am vergangenen Sonntag über Südhessen gewütet hat, den Langstädtern das Feiern vergangen sein müsste. Doch davon war (fast) nichts zu merken, als am Montagnachmittag die Feuerwehr in Langstadt zur Kerbred geladen hatte. Das Zelt war vollbesetzt, auch wenn die meisten der Besucher den Vormittag dazu nutzen mussten, um die massiven Sturmschäden auf den eigenen Grundstücken zu beseitigen.

Die Feuerwehr war ebenfalls die ganze Nacht im Einsatz und doch stand der Kerbvadder Jürgen Schmidt pünktlich vor seinem Publikum. Wollte sich doch keiner entgehen lassen, welch witzige Episoden sich im vergangenen Jahr in ihrem Ort zugetragen und es in die Kerbrede geschafft hatten.
Der Kerbvadder trat jedoch recht entmutigt ans Mikrofon, hatte er es doch zum wiederholten Male nicht geschafft, die Dorfjugend zum Amte der Kerb-Burschen zu begeistern. So ganz alleine wollte er nun doch nicht stehen, begann er traurig seine Rede und war schon im Begriff zu gehen, als ihn etliche ehemalige Kerb-Burschen und -Mädel vergangener Jahrgänge samt Kerbstoffel und bieriger Versorgung wieder an seinen Platz drängten. Mit dieser erfreulichen Unterstützung widmete sich der erfahrene Redner gerne seiner Aufgabe. Als Besonderheit in Langstadt sei zu bemerken, dass ein Missgeschick nicht anonym an die Kerböffentlichkeit weitergegeben wird, sondern man ehrenvoll mit Namen erwähnt wird, was den Zuhörern des Öfteren schadenfreudiges Lachen entlockt. Eigentlich sind die meisten Geschichten eh schon bekannt, in Gedichtform jedoch noch einmal recht nett anzuhören. Oft reichen schon die Vornamen der Protagonisten, um lautes Gelächter durch das Zelt zu schicken. Vergessene Schlüssel scheinen in Langstadt wohl an der Tagesordnung zu sein und wenn man etwas unsicher auf den Beinen nach Hause torkelnd das Rosenbeet der Mutter hautnah begrüßt oder gar nackt im Pool des Nachbarn endet, ist einem ein Geschichtchen in der Kerbrede gesichert. Dass zu spät kommende Kirchenbesucherinnen ihre eigenen Bibelstunden auch ohne Pfarrer bestreiten und die Feuerwehr trinksicher genug ist, um schlechtes Bier auch noch zu später Feierstunde zu enttarnen, gehört natürlich auch in die dörflichen Annalen. Der heiße Sommer und seine Auswirkungen auf die Erträge von mehr und weniger geschickten Bauern sind Thema, ebenso wie die ungewisse Zukunft des beliebten Babenhäuser Freibades, dessen Vorzüge diese Saison voll ausgeschöpft werden konnten. Hoffe man doch auf einen guten Betreiber und ebenso schönes Wetter für das nächste Jahr, sonst könnte es sein, dass das Bad geschlossen bleibt, unkt der Redner.
Dass man zu einem Schulfest eine ganze Woche zu spät kommen kann, und Langstadt jetzt ein heißes Bankenviertel hat, für das man nach diesem Sommer eine Klima-Anlage forderte, wurde herzhaft belacht. Beim mangelnden Handyempfang in Langstadt war den geneigten Zuhörern nicht gar so lustig zumute, denn in Langstadt bedeutete „Mobiltelefon“ tatsächlich lange Zeit, dass man mobil sein und zum Telefonieren wegen mangelnder Empfangsantennen den Ort verlassen musste. Der Hoffnungsschimmer wurde vom Kerbvadder ausgesprochen: „Inzwischen sich auch da was tut, was lange währt, wird endlich gut!“
Erfreuliches wurde natürlich auch erwähnt: die Tischtennisdamen seien letztes Jahr noch hoffnungsfroh gefeiert worden und hatten es doch auch tatsächlich in die erste Bundesliga geschafft, wo sie nach den ersten Spielen schon recht erfolgreich angekommen sind.
Schmidt packte in seine fröhlich-freche Rede so ziemlich alles, was sich im Ortsteil zugetragen hat, würde aber nie zu politisch werden oder ein Missgeschick erwähnen, bei dem Jemand ernsthaft zu Schaden gekommen war. Und so konnten auch die namentlich Erwähnten mit den anderen mitlachen, die es dieses Jahr nicht in die Rede geschafft haben.
Während man im Zelt nichts mehr vom Unwetter des Vortages merkt, da alle Dienste besetzt sind und es auch nicht an Kuchenspenden fehlt, steigen hinter den Kulissen einige Feuerwehrmänner von der Bereitschaftstruppe in ihre Montur und ziehen in den nächsten Einsatz: der Gelenkmast war endlich auch für die nicht ganz so dringlichen Arbeiten in Langstadt frei geworden und so konnten lose Dachziegel und abgeknickte Baumkronen sachgemäß gesichert werden, während im Zelt hinter dem Feuerwehrhaus die Kerbfeier weiterging. Bei der Kerb wurden zwar am Sonntagnachmittag die Gäste weggefegt, aber am Montag musste man keine Abstriche mehr machen.     kb

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